Beresina oder Die letzten Tage der Schweiz
Mit all dem Wissen aus den vorherigen Kapiteln darf man sich jetzt auch als Jung- oder Nicht-Schweizer dem Film nähern.
Nur so als Zusatzinformation, die sonst nicht erwähnt wird: Die Hauptdarstellerin Elena Panova war zu dem Zeitpunkt der
Deutschen Sprache nicht mächtig - zumindest ganz sicher nicht des Schweizer-Deutschen. Sie hat die gesamte Rolle phonetisch
auswendig gelernt und gespielt - Hut ab vor dieser Meisterleistung!
Der Text kommt vom Filmverleih Columbus
Film und von Daniel Schmid, dem
Regisseur des Films - Zitat:
«
DIE SCHWARZE KOMÖDIE von Daniel Schmid erzählt die Geschichte der schönen Irina (Elena Panova), einem russischen Call
Girl, das in ein märchenhaftes Alpenland gerät, an das sie, beinahe als Letzte, bedingungslos zu glauben beginnt. Durch
den etwas zwielichtigen Anwalt Dr. Alfred Waldvogel (Ulrich Noethen) und dessen Freundin Charlotte De (Geraldine Chaplin)
wird sie an einen wachsenden Kundenkreis von Vertretern aus Wirtschaft und Politik, Militär und Medien vermittelt.
In Elektrostal, im fernen Russland, verfolgt ein personenreicher Familienclan Irinas Aufstieg. Reisevorbereitungen für
einen baldigen Umzug ins gelobte Land werden getroffen.
Unterdessen gerät Irina immer mehr in ein für sie völlig undurchsichtiges Labyrinth von Interessensgruppen, die sie
alle nur zu benutzen scheinen. Als "Informantin" verpflichtet, winkt ihr im Gegenzug der ersehnte Schweizerpass.
Alt-Divisionär Sturzenegger (Martin Benrath) verspricht ihr sogar die Heirat. Durch Erpressung in die Enge getrieben,
erfindet sie - beraten von ihrer besten Freundin Benedetta Hösli (Marina Confalone), die als Putzfrau im Landesmuseum
arbeitet - dubiose Geschichten über ihre Kunden.
Mit dem drohenden Landesverweis konfrontiert, löst sie - durch ein Missverständnis und in völliger Unkenntnis der
Folgen - den vor vielen Jahren geplanten Staatsstreich einer vergessenen patriotischen Organisation aus: den Beresina-Alarm.
Damit erfährt das Leben der Irina eine unerwartete Wende, gemeinsam mit dem ganzen Land.
Gedanken zur filmischen Umsetzung
"Beresina oder Die letzten Tage der Schweiz" entstand aus dem Bedürfnis, dem Land, in dem wir aufgewachsen
sind und das uns geprägt hat, auf unsere Art eine Liebeserklärung zu machen. Realität benötigt die Irrealität um real
zu sein, das heisst, sie benötigt das Imaginäre. Bei dem Stoff gingen wir von der Frage aus: Was wäre, wenn es in der
Schweiz einen Staatsstreich gäbe? Dass es in der Realität patriotische Gruppen gab, die für den Ernstfall einer
kommunistischen Unterwanderung einen Umsturz geplant hatten, war nicht entscheidend, -da wir davon ausgehen, dass die
Wirklichkeit das Erfundene ohnehin dauernd übertrifft.
Der Film erzählt die Geschichte von Irina, die als Callgirl durch die uns vertrauten Kulissen eines Landes irrt, deren
Paradies-Vorspiegelung sie bedingungslos verfallen ist. Hinter ihr sitzt ein Familienclan im fernen Russland auf gepackten
Koffern in einer Wohnküche, die sich immer mehr zu einem reliquienhaften Souvenir-Kiosk mit Heidi, Wilhelm Tell und dem
ausgestopften Bernhardinerhund, der die rettende Schnapsflasche trägt, verwandelt.
"Beresina oder Die letzten Tage der Schweiz" ist eine Komödie, die in imaginären Räumen spielt. Irinas
verklärter Blick auf dieses Märchenland und seine Vertreter relativiert die undurchsichtigen und bizarren Orte und
Situationen, denen sie auf ihrem Weg nach oben ausgesetzt ist.
Die Schweizerreise mit ihrem Stammfreier, dem alten Divisionär Sturzenegger (Sturzi), führt aus der patriotischen
Gefühlskulisse, dem überhöhten Landschaftspanorama in die irreale Welt des geheimen Alpenreduits, wo ein
Ersatz-Regierungssitz mit den exakten Repliken von Parlament und Oberkommando, von Beamtenbüros und Bundesratswohnungen in
all ihrer Spiessigkeit, tief in den Fels gegraben wurde. Durch die auf dem Stein gemalten Trompe-oeil-Fenster schweift der
Blick in eine ungebrochene Alpenidylle, wo das Glück und der Frieden wohnen. Gleichzeitig taucht Irina immer wieder in das
merkwürdige Labyrinth des Landesmuseums ein, wo sie ihrem historischen Informationsbedürfnis nachgeht und in den
weitläufigen Katakomben und rekonstruierten Folterkammern vor allem ihre Freundin Benedetta trifft, die dort als Putzfrau
arbeitet und sie in allen Lebens- und Überlebensfragen berät.
Auch die andern Schauplätze von "Beresina oder Die letzten Tage der Schweiz", das Stundenhotel in dem Irina
zunächst arbeitet, das spätere Luxusappartement, die Villen und Banken, die Büros und Meditationsräume, der Zunftball in
Kostüm und Maske, entsprechen optisch einer vorgestellten Wirklichkeit, einer Fiktion, ausgehend von einem uns bekannten
und verwandtmachbaren Milieu.
Dahinter steht nicht unbedingt die Absicht, mit dem "Beresina"-Stoff die Befindlichkeit der Nation
aufzuspüren. Die Kenntnisnahme dieses Landes und seiner Rituale waren gegebene Ausgangspositionen. Vordergründig und
entscheidend ist, dass das daraus Erfundene, einer inneren Logik folgend, angeblich unglaubhafte Situationen und ihre
Figuren mit einem spielerischen Selbstverständnis angeht.
Alle Figuren von "Beresina oder Die letzten Tage der Schweiz" sollten in ihrem Naturell, ihren Fehlerfaktoren,
ihren Vorstellungen und Träumen und ihrer Seltsamkeit, ihrer Besonderheit, ernst genommen werden, gerade weil sie das
Personal einer (schwarzen) Komödie darstellen:
Die Hauptfigur, Irina, ist offensichtlich eine sympathische Person, fast eine verkleidete Heilige. Ihre Naivität und
Zuneigung zu dem fremden Land hat etwas Rührendes - zumal in der Abgekochtheit des Milieus, in dem sie sich bewegt.
Alt-Divisionär Sturzenegger kann in seiner ganzen patriotischen Verschrobenheit, die nur von Irina übertroffen wird, und
bei all seinem kindlichen Draufgängertums durchaus liebenswerte Momente haben.
Auch Alfred Waldvogel, der etwas schräge Anwalt und Impresario von Irina, hat in seinem nie zu gewinnenden Kampf um
Akzeptanz in den besseren, von ihm erstrebten Kreisen, seine nachvollziehbaren Motivationen. Und eigentlich hat die ganze
Stammkundschaft in ihrer Diskrepanz zwischen dem, was sie sind und dem, was sie vorgeben zu sein, ihre anrührenden Seiten.
Der Mensch ist schliesslich ein Faktor, der nie ganz aufgeht. Das Ende, nämlich dass die Schweiz durch ein Missverständnis
in die Hand einer vergessenen, bizarren Organisation gerät, beruht nicht nur auf einer märchenhaften Wendung, sondern
stellt eine folgerichtige Entwicklung dar, auf welche die Geschichte zusteuert und die auch ihre Protagonisten überrascht
und überrollt.
April 1999
Daniel Schmid
»
Damit hat Daniel Schmid absolut ins Schwarze getroffen! Unbedingt! Sowohl mit den ganzen Eigenarten und Macken der
Filmfiguren, als auch mit der herrlichen Revolution am Ende des Films. Falls es jemals einen Staatsstreich in der Schweiz
gibt, wird er auf's i-Tüpfchen genau so ablaufen, wie es der Film zeigt.
Selbst der Revolutionär, der vor dem Büro wartet, nur weil an der Türe "Bitte warten" aufleuchtet... in jedem
anderen Film ein fürchterlich platter Slapstick...
Aber in einem Land, dessen Urahnen einmal mit tausend Mann 40'000 Russen aufgehalten haben, in dem heute jeder Mann zwischen
18 und 98, der aus eigener Kraft auf seinen Beinen stehen kann, dem Militär angehört, seine Dienstwaffe zuhause im Schrank
bereit hält (inklusive 24 Schuss Notmunition, um sich bei einer Mobilmachung allenfalls zum Sammelplatz durchschlagen zu
können, notabene! *)), der alle paar Sonntage sein Gewehr auf den Rücken schnallt, mit dem Fahrrad zum Schiessplatz
fährt, dort Übungsschiessen abhält, um in Form zu bleiben falls der Russe mal käme, in einem Land, in dem das Militär
noch 1957 (Ungarnaufstand!) Kurse für die Zivilbevölkerung abhielt, um die Zivilisten im Umgang mit Molotov-Cocktails zu
schulen und aufzuzeigen, wie man russische Panzer damit aufhält, glaubt es mir, in einem solchen Land wird bei einem
Staatsstreich der Revoluzzer genau so vor der Türe warten! Und dann seine Pflicht erfüllen!
Du glaubst das mit den Molotow-Kursen
nicht? Du gucken da -------->
Übrigens... hey! Das war ein halbes Jahr,
bevor ich geboren wurde... jaja, in dem
Zeitgeist bin ich aufgewachsen. Der
Molotow-Cocktail wurde mir sozusagen in die
Wiege gelegt ;-))
*) Die hirnrissige Schizophrenie, dass aberhunderte von Millionen von Franken jährlich ausgegeben werden, um die
Schweizer Strassen sicherer zu machen, damit die Anzahl der jährlich rund 500 Verkehrs-Todesopfer weiter gesenkt werden
kann, dass aber im Gegensatz dazu an der Aufbewahrung der Dienstwaffen samt Munition zuhause festgehalten wird, obwohl
dadurch pro Jahr auch etwa 300 Menschen zu Tode kommen... das zu verhindern ein klitzekleines Gesetz zur Aufbewahrung der
Waffen in Zeughäusern fast gratis zu haben wäre... nein, sorry, das mag ich jetzt nicht auch noch wirklich breittreten...
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